Aosta
Aosta liegt strategisch günstig im Zentrum der Region, in einem üppigen, sonnigen Talkessel an der Einmündung des Bergbachs Buthier in den Fluss Dora Baltea und ist die einzige richtige Stadt im Aostatal. Bevor Sie die Fußgängerzonen des historischen Zentrums erkunden, können Sie Ihr Motorrad auf einem der Parkplätze abstellen, die über die Straßen der Stadt verteilt sind, denn Sie wissen, dass es bald wieder Zeit ist, sich für die nächsten Etappen auf den Weg zu machen.
Von den Römern um 25 v. Chr. gegründet (sie gaben der Stadt den Namen „Augusta Praetoria“), war Aosta seither eine Grenzstadt, die von den Handelswegen durchquert wurde, die das Mittelmeer und Nordeuropa miteinander verbanden. Künstler und Kaufleute, Armeen und Königshöfe sind durch die Tore der Stadt gezogen und haben ihre Spuren in den Denkmälern und Traditionen hinterlassen, die heute einen Besuch in Aosta noch reizvoller gestalten.
Die Geschichte dieser Stadt, die ein Kreuzungspunkt von Völkern und Kulturen ist, bietet allen, die sie entdecken, Perlen der Kunst und Kultur, die man mit den Augen und dem Geist genießen sollte, bevor man sich dem Asphalt der kurvenreichen Straßen des Aostatals zuwendet.
Eine ganz besondere Statistik besagt, dass nach Rom Aosta die Stadt auf der Welt ist, wo man die größte Konzentration an archäologischen Stätten aus der Römerzeit vorfindet. Man muss nur den alten Stadtmauern, Toren, Türmen und Triumphbögen oder den langen orthogonalen Straßen des historischen Stadtkerns folgen, um sich vorstellen zu können, wie Aosta in den ersten Jahrhunderten nach seiner Gründung ausgesehen haben mag. Vielleicht ist das römische Theater aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. das Monument, das die Antike in den Bergen des Aostatals am besten repräsentiert: eine grandiose Struktur, die all jene, die aus den nördlichen Provinzen des Reiches über das heutige Aostatal nach Rom reisten, sofort in Erstaunen versetzte.
Zeugnisse des Mittelalters und der christlichen Sakralkunst finden sich in der Stadt in den prachtvollen Schiffen der Kathedrale von Aosta, die Mariä Himmelfahrt gewidmet ist, sowie entlang des Kreuzgangs und der mit Fresken bemalten Kapellen der Stiftskirche S. Orso. Ein jahrhundertealter oder vielleicht tausendjähriger Baum überlebt auf dem Platz vor der Stiftskirche S. Orso: eine knorrige Linde, die, könnte sie sprechen, Anekdoten und historische Begebenheiten aus der erstaunlichen Hauptstadt des Aostatals erzählen würde.
Schlösser des Aostatals von Sarre bis Saint-Pierre
Die Motorradtour beginnt in symbolhafter Weise am eleganten Platz Chanoux, dem genauen geografischen Zentrum der Stadt Aosta, und führt in Richtung Westen zu drei historischen Herrenhäusern am Ufer des Flusses Dora Baltea.
Auf dem Weg dorthin erblickt man zahlreiche Weinberge, die dank des hervorragenden Klimas in diesem weiten, luftigen und sonnigen Abschnitt des zentralen Aostatals Qualitätsweine liefern. Einige Sorten sind einheimisch, wie der Petit-rouge, der Prié und der Fumin, andere stammen aus Frankreich, der Schweiz und dem Piemont, aber sie haben auch im Aostatal ein günstiges Milieu gefunden: man denke nur an drei hervorragende Weißweine wie Chardonnay, Gelber Muskateller und Petite Arvine. Die Höhenunterschiede der Aostataler Weinberge sorgen für eine gleichmäßige Sonneneinstrahlung, während die vielen Trockenmauern entlang der Terrassen die Wärme tagsüber speichern und sie nachts abgeben.
Eingebettet zwischen Weinbergen und Obstgärten und umgeben von Tannen- und Kastanienwäldern am Fuße der Berge ist Sarre das erste Dorf von historischer Bedeutung, in dem man vorbeikommt, wenn man sich von Aosta nach Westen bewegt. Nach dem schlanken Profil des Glockenturms der Pfarrkirche biegt man rechts ab in Richtung des Königsschlosses von Sarre. Das Aussehen ist eher das eines Wohnschlosses als eines Verteidigungsbaus: Es wurde in der Tat während des 18. Jahrhunderts von der Savoyer-Dynastie umgebaut, zu einer Zeit, als es nicht mehr notwendig war, sich vor feindlichen Angriffen zu schützen.
Weiter geht es mit dem Motorrad zum nur wenige Minuten entfernt liegenden Dorf Saint-Pierre. Auf dem Gebiet dieser Gemeinde stechen zwei alte Festungen hervor: die Burg Saint-Pierre, die den Namen des Dorfes angenommen hat, und das Castello Sarriod de La Tour, das nach der Familie benannt ist, die es errichten ließ. Die erste Burg blickt von einem felsigen Vorsprung auf das Tal und zeigt stolz ihre märchenhafte Silhouette mit eleganten Türmen, die während einer Restaurierung im 19. Jahrhundert zur ursprünglichen Struktur hinzugefügt wurden. Die Burg Saint-Pierre beherbergt die Säle des Regionalmuseums für Naturwissenschaften Efisio Noussan, dessen Rundwege zur Besichtigung kürzlich überarbeitet und mit zusätzlichen interaktiven Vorrichtungen versehen wurden.
Ganz anders dagegen sieht das Castello Sarriod de La Tour aus, das sich in einem flachen Gebiet befindet, nur wenige Meter vom Wasserlauf des Flusses Dora Baltea entfernt. Der älteste architektonische Teil der Burg reicht sogar bis in die Zeit zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert zurück, doch im Laufe der folgenden Jahrhunderte führten verschiedene von Mitgliedern des Adelshauses der Sarriod angeordnete Umbauten zu mehreren Veränderungen, bis das Schloss in den 70er Jahren in den Besitz der Autonomen Region Aostatal überging.
Introd
Vier wunderschöne Täler erstrecken sich nach Süden, ausgehend von der unmittelbaren Umgebung von Saint-Pierre und bis zum rechten Ufer des Flusses Dora Baltea. Bevor Sie mit der Erkundung dieser gewundenen Straßen beginnen, die zwei der vier Täler, Valgrisenche und Valsavarenche, durchqueren, sollten Sie jedoch auch das alte Dorf Introd besichtigen, das nur wenige Fahrminuten von Saint-Pierre entfernt liegt.
Die Orange Flagge des italienischen Touring Clubs erhielt Introd dank seines nachhaltigen touristischen Beherbergungssystems. Der Ort ist zwischen zwei Wasserläufen eingebettet: dem Dora di Rhêmes (der dem gleichnamigen Tal seinen Namen gab) und dem Wildbach Savara, der die Ufer des Valsavaranche-Tals umspült. Es scheint, dass der Name Introd aus dem Französischen „entre-eaux“ stammt, was „zwischen den Gewässern“ bedeutet.
Für diejenigen, die sich die Beine vertreten und vom Motorrad absteigen möchten, bietet Introd ein gut erschlossenes Netz von Wanderwegen und Ausflugszielen, die zu Bächen und Felswänden hinaufführen. Das historische Zentrum des Dorfes ist bekannt für seine mittelalterliche Burg und seine jahrhundertealten Häuser und Gebäudekomplexe ländlichen Ursprungs, wie die Cascina Ôla und das Haus Maison Bruil. In diesen alten Gebäuden, die in den Gassen des Dorfes verstreut liegen, organisiert die Gemeinde Ausstellungen und Veranstaltungen mit dem Ziel, das Gebiet zu fördern.
Nicht zuletzt ist das Dorf insbesondere für seinen Wildpark bekannt. Im Tierpark Introd leben einige typische Tierarten der Aostataler Alpen. Gämsen, Murmeltiere, Steinböcke, Hirsche und Hasen sind hier in einer zauberhaften, farbenfrohen Landschaft zu Hause, die nach einheimischen Pflanzen und Blumen duftet.
Valgrisenche
Etwas weiter westlich berührt die Route das Dorf Arvier, den Ausgangspunkt einer landschaftlich reizvollen Regionalstraße, die zum Valgrisenche ansteigt. Die Ruinen der Burg von Montmayeur empfangen den Motorradfahrer am Eingang des Tals. Etwas höher gelegen bietet ein christliches Heiligtum, bekannt als Rochefort, einen herrlichen Blick auf die Umgebung.
Von der Burg von Montmayeur schlängeln sich einige Kilometer durch felsige Schluchten und Haarnadelkurven bis zum See von Beauregard, der das Ende des Valgrisenche markiert. Es ist ein künstlicher See, der von einem tiefen Damm umgeben ist.
Das Valgrisenche ist zu allen Jahreszeiten ein beliebtes Ziel für Wanderer und Bergsteiger. Der große Rutor-Gletscher überragt von oben die traditionellen Häuser, die auf den Bergrücken dieses engen Tals verstreut sind. Im Sommer laden saftig grüne Wiesen, Kiefern- und Tannenwälder zu einem entspannten Picknick ein, vor allem in Usellières. Es ist nicht schwer, in der Nähe Gruppen von pfeifenden Murmeltieren oder große Herden von Kühen zu sehen, die in den Sommermonaten zu den hochgelelegenen Weiden ziehen.
Bevor es wieder weitergeht, um die Straße von Valgrisenche in umgekehrter Richtung nach Arvier und dann nach Introd zurückzulegen, kann man sich der Entdeckung eines der wertvollsten handwerklichen Produkte des gesamten Aostatals widmen. Die Draps (Tücher) von Valgrisenche sind einheimische Stoffe, die dank eines alten Rahmensystems aus Ahornholz aus lokaler Schafwolle hergestellt werden. Die Verzierungen dieser Stoffe zeigen faszinierende geometrische Muster: Oft werden die Draps aus Valgrisenche nicht getragen, sondern an die Wände gehängt oder auf den Boden gelegt, um die Häuser im Aostatal zu schmücken.
Valsavarenche
Ein weiteres kleines, aber malerisches Tal erreicht man von Introd aus über ein Netz von Straßen, die sich in steilen Serpentinen nach Süden hinaufwinden. Es ist das Valsavaranche-Tal, das vom Wildbach Savara durchquert wird und einer der privilegierten Zugangspunkte für Bergsteiger und Kletterer ist, um den Nationalpark Gran Paradiso zu erreichen.
Rund um Pont, ein Dorf am südlichen Ende des Valsavaranche-Tals, führt ein verzweigtes Netz von Pfaden und Wanderwegen zu unberührten Gipfeln und Hochplateaus hinauf. Eine Krone aus Alpengipfeln überragt die Landschaft des Valsavaranche-Tals: Grivola, Ciarforon, Herbetet und Tresenta, um nur vier der bekanntesten Gipfel zu nennen, die alle weit über 3.500 Meter hoch sind.
Die Fauna und Flora des Gran Paradiso ist in einer faszinierenden Naturlandschaft beheimatet, die aus Gletscherseen, Wasserfällen und Hochgebirgsalmen besteht. Wer Glück hat, kann im Nationalpark Gran Paradiso einige der für diesen Teil Italiens charakteristischen Tiere kennen lernen, wie die Capra Ibex (besser bekannt als Alpensteinbock) oder den majestätischen Bartgeier, einen großen Raubgeier, der für diese Gegend typisch ist.
Wer in den Schutzhütten der Valsavaranche übernachtet, wird nicht umhin kommen, den traumhaften Sternhimmel zu betrachten. Im Sommer ist das Aostatal eine der beliebtesten Regionen für Himmelsbeobachtungen, da es in den Tälern keine Lichtverschmutzung gibt. Es ist kein Zufall, dass sich in dieser Region eines der meistbesuchten astronomischen Observatorien Italiens befindet, das Observatorium von Saint Barthélemy, das direkt über Fénis liegt.
Valpelline
Auf dem Rückweg von Valsavaranche in Richtung Aosta muss man diesmal nach Norden fahren, wieder den Flusslauf der Dora Baltea überqueren und das Vorderrad des Motorrads in Richtung Valpelline richten.
Vom Hauptort am Anfang des Tals geht es etwa 20 Kilometer in östlicher Richtung am Ufer des Buthier-Bachs entlang. Eine Reihe von Kurven erwartet den Motorradfahrer, insbesondere zwischen den Orten Grenier, Oyace und Bionaz. Der Weg führt also hinauf zum großen Parkplatz am Rande des Staudamms von Place Moulin, eine Wasserkraftanlage, die das geografische Ende des Valpelline markiert.
Wenn Sie Ihr Motorrad auf dem Parkplatz abstellen, können Sie einem Fußgängerweg folgen, der an den Ufern eines langen und schmalen künstlichen Sees entlangführt. Eine jahrhundertealte Lärche markiert das Ende des Wanderwegs und den Beginn der Bergsteigerroute: Von hier aus kann man in Richtung Norden das Profil des Dent d'Herens sehen, eines schneebedeckten Gipfels, der die Grenze zwischen Italien und der Schweiz markiert.
Das Valpelline gehört zu den Orten im Aostatal, die am besten die kulinarischen und weinbaulichen Traditionen der Region repräsentieren. Eine der lokalen Spezialitäten, die im ganzen Aostatal auf den Tisch kommt, ist zum Beispiel die Seupa à la valpellinentze: eine schmackhafte Kohlsuppe mit altbackenem Weißbrot, zu der Speck, Butter und Käse in großen Mengen hinzugefügt werden. Valpelline und das angrenzende Ollomont-Tal sind jedoch auch für Wildfleisch, Wurstwaren oder den Fisch aus Bergbächen bekannt.
Wer sich vom intensiven Geschmack des Valdostaner Fontina Dop-Käses hat verzaubern lassen, sollte unbedingt das Fontina-Museum und Besucherzentrum in Valpelline, in der Ortschaft Frissonière, besuchen. Die Anwohner behaupten, dass der Valpelliner Fontina der beste des Aostatals ist: Nach einem Besuch des Museums wird man ihnen da nur Recht geben können.
Fénis
Ein letztes Mal geht es hinunter in das weite und sonnige Mitteltal von Aosta, wo die Motorradroute einen Abstecher in Richtung der hoch aufragenden Türme der Burg von Fénis macht, eines der bekanntesten und meistbesuchten historischen Bauwerke der Region.
Die mittelalterliche Festung liegt nur wenige Schritte vom rechten Ufer des Flusses Dora Baltea entfernt, an den wichtigsten Handelswegen des Aostatals, aber nicht gerade in einer strategisch günstigen Lage, was die Verteidigung angeht. Die Felder rund um die Burg von Fénis sind meist flach und kahl, leicht zu begehen und anzugreifen. Schon nach wenigen Schritten wird klar, dass diese Festung nie eine wirkliche militärische Rolle bei der Verteidigung des Tals gespielt hat. Sie wurde nämlich von der Adelsfamilie der Challant, den Herren des Aostatals im Mittelalter und später in der Renaissance, als herrschaftlicher Wohnsitz erbaut.
Die Challants verließen die Burg von Fénis zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Das mächtige Herrenhaus blieb unbewohnt, bis Ende des 19. Jahrhunderts Restaurierungs- und Renovierungsarbeiten begannen, die es der Öffentlichkeit zugänglich machten und ihm seinen früheren Glanz zurückgaben.
Neben der gleichnamigen Burg beherbergt Fénis seit 2009 auch die Ausstellung des MAV – Handwerksmuseum der lokalen Tradition des Aostatals. Liebhaber lokaler Traditionen können dann hier diese Motorradtour inmitten der Natur- und Kulturschönheiten des Aostatals beenden.