Dostojewski in Florenz: Routen, Orte und Bücher
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„Die Schönheit wird die Welt retten“. Dies ist der berühmte Satz, den Dostojewski Fürst Myschkin in seinem Roman „Der Idiot“ sagen lässt.
Dostojewski gilt neben Tolstoi als einer der einflussreichsten russischen Schriftsteller und Intellektuellen aller Zeiten. Das Leben des großen Romanciers und Philosophen war vom grausamen Verlauf seiner Krankheit geprägt, wobei er unter häufigen epileptischen Anfällen litt, die am Ende seine Gesundheit und seine persönlichen Beziehungen stark beeinträchtigten.
Auf einer Entdeckungsreise durch die europäischen Hauptstädte gelangte er nach Florenz, wo er das Werk „Der Idiot“ vollendete und möglicherweise gerade in dieser Stadt „seine Seele zu ordnen“ vermochte.
Laut dem Philosophen Giovanni Reale „braucht der Mensch das Schöne als ein grundlegendes Element seines Geisteslebens“. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass gerade die Pracht der Stadt mit ihrer Geschichte und ihrer Kunst sich positiv auf den Denker ausgewirkt hat, der vor allem für den Roman „Die Brüder Karamasow“ bekannt ist.
Dostojewski-Haus in Florenz
Dostojewskij, der sich vom kulturellen Reichtum Italiens angezogen fühlte, wohnte zwischen 1868 und 1869 in einem Haus an der Piazza Pitti. In den alten Mauern dieser wunderschönen Stadt widmete sich der Moskauer Schriftsteller der Niederschrift von „Der Idiot“, wobei er in diesem Haus den ergreifenden Monolog von Fürst Myschkin schrieb: „Lest diesem Soldaten das Urteil vor, das ihn mit Sicherheit für schuldig befindet, und er wird wahnsinnig werden oder zu weinen beginnen. Wer hat gesagt, dass die menschliche Natur dies ertragen kann, ohne verrückt zu werden? Warum eine solch ungeheuerliche, nutzlose, eitle Beleidigung? Vielleicht gibt es einen Mann, dem sie das Urteil vorgelesen haben, sie haben sich Zeit gelassen, damit er sich quält, und dann haben sie gesagt: Geh, du bist begnadigt: Hier ist ein solcher Mann, der es vielleicht erzählen könnte.“
Dostojewskis Weg nach Italien und seine Werke
Angetrieben von großer Neugierde und auch aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten und gesundheitlicher Probleme unternahm Dostojewski eine lange Reise durch Europa , um seinen Gläubigern zu entkommen und sich von der Epilepsie zu erholen. Auf dieser Pilgerreise kam er zweimal nach Italien, 1862 und 1868. 1864 verlor er aufgrund einer Tragödie seine zweite Frau und seine Tochter. Das Ereignis traf den Schriftstellers schwer, der dennoch in diesen Jahren einige seiner bedeutendsten Romane schrieb: „Erniedrigte und Beleidigte“ (1861), „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ (1865), „Der Spieler“ (1866), „Schuld und Sühne“ (1866) und „Der Idiot“ (1868-69), Werke, die eine in die Tiefe gehende Studie über die menschliche Seele darstellen und die große Synthese mit den „Dämonen“ (1871-72) und den „Brüdern Karamasow“ (1879-80) einleiten.
Dostojewski liebte Italien. Er besuchte Turin, Mailand, Rom und Neapel. Seine Liebe zu diesem schönen Land, das er wie jemand besuchte, der sich auf eine kulturelle und spirituelle Pilgerreise begibt, drückte er mit folgenden Worten aus: „Seit zweitausend Jahren hat Italien eine universelle Idee in sich getragen, die in der Lage ist, die Welt zu vereinen, keine abstrakte Idee, keine Spekulation, sondern eine reale, organische Idee, Frucht des Lebens der Nation, Frucht des menschlichen Lebens.“
Wo Dostojewski in Florenz lebte
1868 ist ein bedeutendes Jahr für Florenz: Als Hauptstadt des vereinten Italiens beherbergt es im Palazzo Pitti die Residenz des Königs. Dostojewski mietete eine Wohnung im zweiten Stock der Casa Fabiani, direkt an dem spektakulären Platz mit Blick auf den Palazzo Reale.
Die fruchtbare Atmosphäre der Stadt beeinflusste das Leben des Schriftstellers so sehr, dass seine dritte Frau Anna diese Zeit in den Erinnerungen an ihr glückliches Jahr in Florenz festhielt: „Die Veränderung hatte wieder eine positive Wirkung auf meinen Mann und wir begannen, gemeinsam Kirchen, Museen und Paläste zu besuchen.“
In der ruhmreichen Stadt der Lilie, wie Florenz auch genannt wird, wurde ihr kleines Mädchen geboren, das sie Ljubow nannten (was auf Russisch „Liebe“ bedeutet), und hier schloss Dostojewski sein Werk „Der Idiot“ ab, ein Projekt, mit dem er sich seit langem quälte und in dem er einer schwierigen Vorstellung Gestalt verleihen wollte: „einen absolut guten Menschen darzustellen“.
Die Italiensehnsucht des Autors
Italien beeinflusste Dostojewski in seiner Sensibilität so sehr, dass es auch nach seiner Rückkehr nach Petersburg weiterhin Einfluss auf seine Werke ausübte. Ein starkes Gefühl der Sehnsucht zeigt sich auch in den Artikeln, die er für die Zeitschrift Grazdanin verfasste.
Dieses Gefühl, das mit der Empfindung des Erhabenen verbunden ist, die Dostojewski in Italien fand, ermöglichte es ihm wahrscheinlich, diese Vielzahl von Stimmen zu schaffen und so zu jenem polyphonen Roman zu gelangen, in dem der Geist des Philosophen, des politischen Denkers und sogar des Theologen endlich vereint wurden.
In Florenz konzentriert sich der Schriftsteller auch auf die Auseinandersetzung zwischen Gott und Satan. In gewisser Weise ist es, als hätte Dostojewski in Italien für seine Protagonisten eine Art irdisches Heilsversprechen gefunden: Während ihm Petersburg mit seiner Kanalisation, der Kloake und den Abflüssen wie ein Rattenloch erscheint, sind Florenz und Italien das Land der Engel.