Karneval in Irpinia: Tradition in Masken
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Die Karnevalsfeiern in Irpinia sind mehr als nur Spaß: Sie sind ein echtes kulturelles und soziales Erbe.
Ihre Traditionen sind in alten Fruchtbarkeitsriten verwurzelt und mit dem Zyklus der Jahreszeiten sowie dem Übergang vom Winter zum Frühling verbunden. Es sind Momente der Gemeinsamkeit, zu denen Familien, Stadtteile und Gruppen allegorische Wagen organisieren, Kostüme entwerfen, Choreografien einstudieren und Verkleidungen anfertigen. So entsteht ein Gefühl der Zugehörigkeit und Teilhabe. Jedes Dorf bringt dabei seine eigene Geschichte, seine eigenen Legenden und Traditionen zum Ausdruck. Dennoch gibt es auch gemeinsame Elemente wie Kostüme, Musik und Choreografien sowie verschiedene territoriale Gemeinsamkeiten. Dazu gehören Balztänze, rituelle Figuren und ein Meister, der die Tänze leitet.
Der Karneval wird so zu einem fröhlichen Fest und einem Moment der generationsübergreifenden Weitergabe von Erinnerungen, Werten und Traditionen. Dadurch bleibt eine tiefe Verbindung zwischen der Gemeinschaft und ihrem Territorium bestehen.
Die Karnevalsbräuche in Avella und Castelvetere
Der Karneval von Avella ist ein wichtiger Moment kultureller Identität, in dem die Gemeinde alte Volksbräuche wiederbelebt und damit für ein reges Treiben auf den Straßen sorgt. Die Hauptakteure des Festes sind drei historische Darstellungen, die seit 1950 mit Leidenschaft von der Folkloregruppe Avellano und später von der Pro Loco aufgeführt werden: „’A Zeza“, „I Mesi“ und „Il Laccio d’Amore“.
Die „Zeza“ ist eine Form des gesungenen Volkstheaters, das von traditionellen Instrumenten wie Kastagnetten, Triccheballacche und Tamburinen begleitet wird. Mit Ironie und Verkleidungen erinnert sie an die berühmte Geschichte von Pulcinella und seiner Frau Zeza Viola und zieht das Publikum in eine lebendige und bedeutungsvolle Aufführung mit ein.
Die Darstellung „I Mesi“ („die Monate“) ist eine symbolische Aufführung, die den natürlichen Jahreszyklus, die Fruchtbarkeit und den Wechsel der Jahreszeiten feiert. Im Mittelpunkt des Rituals steht der Majo, ein großer Baum, der von den „Figli del Majo“ (Söhne des Majo) unter traditionellen Gesängen und Musik aus den Bergwäldern in die Altstadt transportiert wird. Schließlich wird er in einem abschließenden Lagerfeuer verbrannt, um die Negativität des vergangenen Jahres zu vertreiben.
„Il Laccio d’Amore“ ist schließlich ein alter, glückbringender Tanz, der mit den Themen Überfluss und Wohlstand verbunden ist. In Castelvetere erinnert diese Tradition an eine jahrhundertealte Rivalität zwischen den Gemeinden Piazza und Pianura. Heute wird sie in einem festlichen Umzug mit allegorischen Wagen ausgelebt, die von lokalen Handwerkern mit großer Kunstfertigkeit hergestellt und mit Musik und Tanz begleitet werden.
Karnevalstraditionen von Cervinara, Petruro di Forino und Montemarano
Während des Karnevals verwandelt sich Cervinara in eine Freilichtbühne, auf der Farben, Klänge und Traditionen die Straßen des Ortes zum Leben erwecken. Zu den mit Spannung erwarteten Veranstaltungen zählt die ’Ndrezzata, ein alter Kriegertanz, der aus der Erinnerung an einen lokalen Streit Ende des 19. Jahrhunderts entstanden ist. Er ist einzigartig durch den Rhythmus der Stockschläge, die synchronen Bewegungen und die starke szenische Spannung.
Daneben wird auch die Quadriglia wiederbelebt, ein Tanz, Theater und Volkstradition vereint, sowie der Karneval von Petruro di Forino im Herzen von Irpinia. Am Faschingsdienstag zieht die Folkloregruppe Ballo o ’Ntreccio zusammen mit der Mascarata durch das Dorf und besucht die Familien. Die Türen öffnen sich, die Tische füllen sich mit hausgemachten Speisen und lokalem Wein – so wird Gastfreundschaft zu einem kollektiven Ritual.
Der mit Spannung erwartete Höhepunkt ist „o ’ntreccio“, ein alter Tanz im Rhythmus der Tarantella Martiglianese, begleitet von der Darstellung der „Storia di Carnevale“ (Karnevalsgeschichte) mit Pulcinella, Zitelluccia und komischen Duellen, die ein authentisches Straßentheater zum Leben erwecken.
In Montemarano ist der Karneval ein echtes Gemeinschaftsritual. Er beginnt am 17. Januar, dem Tag des Heiligen Antonius Abbas, erreicht in den kanonischen Festtagen seinen Höhepunkt und endet mit dem eindrucksvollen „Morte di Carnevale“ (Tod des Karnevals). Absoluter Protagonist ist die Tarantella aus Montemarano, die in einem Umzug von den Mascarate unter der Leitung des Caporabballo zu Musik, Farben, Konfetti und Süßigkeiten getanzt wird. Diese Tradition hat antike Ursprünge, ist mit vorchristlichen Riten verbunden und wird von Generation zu Generation weitergegeben.
Montoro, Pago del Vallo di Lauro und Serino: Drei Geschichten über den Volkskarneval
Die Mascarata von Montoro ist keine einzelne Veranstaltung, sondern eine Reihe von vier historischen Veranstaltungen, die die Ortsteile Piazza di Pandola, Borgo, Figlioli und Banzano animieren. Jeder Ortsteil bewahrt dabei seinen eigenen Stil, seine eigenen Bräuche und Figuren und hält so die Verbindung zum kollektiven Gedächtnis aufrecht.
Auf der Piazza di Pandola findet ein Umzug mit zahlreichen symbolischen Figuren statt, darunter Pulcinella auf dem Pferd, die Alte, die Zigeunerin, der Bär, der Notar, die Frau „Scaruta“ und die Fastenzeit. Die Komplexität der Mascarata sowie die damit verbundene rituelle Musik haben die Aufmerksamkeit zahlreicher Wissenschaftler und Anthropologen auf sich gezogen.
In Borgo dominiert der Prozessionstanz „’A Zez co’ ’ntreccio“, der von den Capintrecci angeführt wird. Mit von der Partie sind Pulcinella, die Alte und der Bär, die sich im Rhythmus der Tarantella bewegen. In Figlioli durchquert der Umzug mehrere Ortschaften und wird von allegorischen Wagen begleitet. Diese waren ursprünglich Boote, die auf Fahrrädern oder Motorrädern montiert wurden. In Banzano wird der Tanz von den Capidaballo und einer kleinen Orchestergruppe geleitet, die heute mit modernen Klängen bereichert wird.
Der Karneval von Montoro zeichnet sich durch die starke Beteiligung der Gemeinde aus und wird so zu einem Moment des sozialen Zusammenhalts, der Versöhnung und des Miteinanders. Auch in Pago del Vallo di Lauro beleben Folkloregruppen und allegorische Wagen mit unterschiedlichen Themen, darunter Tänzer des Laccio d’Amore und der Quadriglia, die Straßen. Diese Tradition ist seit den 1940er und 1950er Jahren dokumentiert und wurde unter anderem von dem lokalen Historiker Angelo Scafuro festgehalten, sodass sie an die neuen Generationen weitergegeben werden konnte.
In Serino wird der Karneval zu einem kollektiven Ritual, das Tanz, Volkstheater und Sozialsatire vereint. Das Herzstück des Festes ist die Mascarata, ein langer Prozessionsumzug, begleitet von einer Musikkapelle, bei dem traditionelle Masken und symbolische Figuren, wie die „heilige Frühlingsgöttin“, eine zentrale Rolle spielen. Zum Abschluss erscheinen die „Brutti“ (die Hässlichen). Mit Ironie und Farbe sorgen Pulcinella, das Brautpaar, der Barbier und die Zigeunerin für belebte Straßen.
Neben der Mascarata gibt es in Serino auch den Carnuale Muorto, eine Theaterparodie, die die Beerdigung des Karnevals simuliert. An diesem Ritual nehmen der Bürgermeister, der Hauptmann, die Carabinieri, der Bischof und die Fastenzeit teil – eine bissige Satire auf die Laster und die lokalen Machthaber. Die Feier endet mit gemeinsamen Tänzen und Musik, bevor die Fastenzeit beginnt.
Rotondi und Teora: Zwischen Quadriglia, Zeza und Squacqualacchiun
Im Herzen des Sannio Irpino erlebt man in Rotondi den Karneval als kollektives Ritual, das Erinnerung, Musik und Volkstheater vereint. Das Fest ist Teil der lokalen Identität und findet seinen höchsten Ausdruck in der Quadriglia und der Zeza – zwei Kunstformen, die die Straßen in eine lebendige Bühne verwandeln.
Die Quadriglia ist ein eleganter und rhythmischer Gruppentanz mit einem Anführer, der die Tänzer in traditionellen Kostümen koordiniert. Die Zeza ist hingegen eine volkstümliche Theateraufführung mit Schauspiel, Gesang, Musik und Satire. Mit komischen Sketchen und Dialogen in Reimen beleben Pulcinella, Zeza und Don Nicola die Bühne und erzählen von Lügen, Beziehungen und dem Alltag. Dabei beziehen sie das Publikum in ein interaktives Erlebnis ein.
Diese Tradition, deren Wurzeln bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen, wird von Generation zu Generation weitergegeben: Familien, Kinder und Senioren proben gemeinsam Texte, Schritte und Kostüme und machen den Karneval so zu einem echten kulturellen Experimentierfeld.
In Teora kehren hingegen jedes Jahr die Masken der „Squacqualacchiun“ in die Straßen des Dorfes zurück. Diese grotesken Figuren erinnern an die bäuerliche und rebellische Vergangenheit. Sie tragen Leinensäcke, abgetragene Jacken und Kapuzen, die ihre Gesichter verbergen. Ausgestattet mit Stöcken, Kiefernnadeln und großen Glocken, die in den Gassen widerhallen, ziehen sie durch die Straßen.
Ihr erster Auftritt findet am 17. Januar, dem Tag des Heiligen Antonio, statt. Dann klopfen sie an Türen, um Essen, Wein oder ein paar Münzen zu erhalten. Wer spendet, wird in Ruhe gelassen, wer jedoch ablehnt, muss mit kleinen Vergeltungsmaßnahmen rechnen. Zum Abschluss beleben die Squacqualacchiun das Dorfzentrum rund um das Lagerfeuer und den Hauptbrunnen mit einem Tanz – ein Ritual, das Heiliges, Profanes und Volksmagie vereint.
Die Maske entstand aus einer alten Bauernrebellion: Während des Königreichs beider Sizilien verkleideten sich junge Menschen, um symbolisch ihre Herren herauszufordern und ihre Würde einzufordern. Dabei machten sie die Verkleidung zu einem Instrument des Protests und der kollektiven Identität.