Übersicht
Der Anblick ist atemberaubend. Das Beten in dieser Kapelle im 14. Jahrhundert muss Empfindungen hervorgerufen haben, die mit einem heutigen Virtual-Reality-Erlebnis vergleichbar sind. Die Kapelle wurde zum Gedenken an Rinaldo Scrovegni errichtet, einen berüchtigten Wucherer, an den sich auch Dante in der „Göttlichen Komödie“ erinnert, indem er ihn in den siebten Kreis der Hölle platziert. Sein Sohn Enrico Scrovegni, der von ganz anderen Gefühlen beseelt war, vertraute die Dekoration des Denkmals Giotto an, der damals etwas mehr als dreißig Jahre alt und auf dem Höhepunkt seiner Karriere war. Zwischen 1303 und 1305, also in sehr kurzer Zeit, schmückte Giotto die gesamte Kapelle, von den Wänden bis zur Decke: An den Wänden malte er einen Freskenzyklus mit Geschichten der Jungfrau und Christi, an der Gegenfassade das majestätische Jüngste Gericht und am Sockel der Wände einfarbige Darstellungen der sieben Tugenden und der sieben Todsünden. Der Realismus, die perspektivische Überarbeitung und die Ausdruckskraft der Figuren, die Giotto bereits berühmt gemacht hatten, erreichen hier neue Höhen. Jede der fast 40 Episoden, in die der Zyklus an den Wänden unterteilt ist, ist sehr reich an konkreten Details und gleichzeitig in der Lage, eine sehr effektive expressive Synthese zu schaffen: Beeindruckend ist zum Beispiel die Lebendigkeit, mit der das Drama der Mütter in der Szene des Massakers an den Unschuldigen dargestellt wird. Und schließlich sind die Farben, beginnend mit dem Blau des ikonischen Sternengewölbes, eine Augenweide. Nach der Weihe dieser Kapelle im März 1305 war die Malerei nicht mehr dieselbe.