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2020: Das Jahr des Raffael

Nachdem das Jahr 2019 zahlreichen Ausstellungen und Kulturinitiativen anlässlich des 500-jährigen Todestags von Leonardo da Vinci gewidmet war, wird im neuen Jahr 2020 der 500. Todestag von Raffaello Sanzio gewürdigt, dem unerreichten Genie der Renaissancemalerei.

Selbstporträt Raffaels - Uffizien - Florenz, Toskana

Selbstporträt Raffaels - Uffizien - Florenz, Toskana

Raffael, einer der größten Künstler aller Zeiten, gehörte zu den bedeutendsten Vertretern des Manierismus und verlieh der europäischen Malerei eine nachhaltige Prägung. Er war Wegbereiter des klassizistischen Stils von Rubens, Velázquez und Caravaggio im 17. Jahrhundert, inspirierte Delacroix und Ingres, beeinflusste die Nazarener und Präraffaeliten und ist sogar in den Gemälden von Manet und Dalì spürbar.

Raffael starb 1520 mit knapp 37 Jahren nach einem erfüllten und produktiven Leben, das zu erzählen sich lohnt: innerhalb dieser kurzen Zeit schuf er zahlreiche Werke und traf viele interessante Persönlichkeiten.

RAFFAELS JUGENDZEIT

Raffaello Sanzio wurde vermutlich am 28. März 1483 in Urbino geboren, das zur damaligen Zeit ein bedeutendes Zentrum der Renaissance mit einer lebendigen Kunstszene war, die seine künstlerische Entwicklung entscheidend beeinflusste. Sein Vater Giovanni de' Santi war ein angesehener Maler, der sowohl für die herzogliche Familie als auch für die lokalen Adligen tätig war. In seiner Werkstatt erhielt der junge Raffael eine erste Einführung in die Kunst des Zeichnens und Malens. Das erste Werk, das Raffael zugeschrieben wird, ist das Fresko Madonna di Casa Santi in seinem Geburtshaus Casa Santi (heute ein für Besucher geöffnetes Museum), das er vermutlich mit knapp 15 Jahren schuf. 

Herzogspalast - Urbino, Marken

Herzogspalast - Urbino, Marken

Dank seines Vaters hatte Raffael auch Zugang zum Herzogspalast in Urbino, wo er die Werke von Piero della Francesca, Pollaiolo und anderen zeitgenössischen Künstlern aus direkter Nähe kennenlernte. Neben dem Atelier des Vaters hielt er sich zwischenzeitlich auch in der Werkstatt des Perugino in Perugia auf, wo er von 1494, dem Todesjahr des Vaters, bis in das Jahr 1498 zur Lehre ging. Bei den Arbeiten an den Fresken des Collegio del Cambio in Perugia entdeckte er zum ersten Mal die Grotesken, eine Technik der Wandmalerei, die in der Folge ein wesentlicher Bestandteil seines ikonographischen Repertoires werden sollte.

 Vermählung Mariä - Pinacoteca di Brera – Mailand, Lombardei

Vermählung Mariä - Pinacoteca di Brera – Mailand, Lombardei

1499 ging er, gerade sechzehnjährig, nach Città di Castello, wo er seine ersten eigenen Aufträge erhielt: das „Stendardo della Santissima Trinità“ (heute in der städtischen Pinakothek von Città di Castello zu sehen) und die Pala vom seligen Nikolaus von Tolentino. In Città di Castello schuf Raffael noch mindestens zwei weitere bedeutende Werke: die Mond-Kreuzigung (heute in der National Gallery in London), die deutliche erste Anzeichen eines eigenen Stils trägt, sowie die Vermählung Mariä (heute in der Pinacoteca di Brera in Mailand). Dieses Gemälde hebt sich mit seinen plastischen Figuren und der ungewöhnlichen Raumaufteilung deutlich vom Stil des Perugino ab und gilt als Abschluss der Frühphase Raffaels. 

Inzwischen verbreitete sich der Ruhm des jungen Künstlers aus Urbino in ganz Umbrien: in der Folgezeit entstanden drei Altargemälde (Pala Colonna, Pala degli Oddi und Mariä Himmelfahrt, später vollendet durch Berto di Giovanni) und einige Madonnen mit Kind (Madonna Solly, Madonna Diotallevi und Madonna mit Kind und den Hl. Hieronymus und Franziskus), die noch im typischen Stil des Perugino gemalt sind, jedoch eine stark akzentuierte Expressivität zwischen der Madonna und dem Kind aufweisen. 

Um das Jahr 1503 verließ Raffael Umbrien und Urbino für eine kurze Reise nach Florenz, wo er zum ersten Mal die Werke Leonardos bewundern konnte, und nach Rom, wo er erstmals mit der klassischen Kunst in Berührung kam. Anschließend wurde er von Pinturicchio nach Siena geholt, um bei der Gestaltung der Fresken in der Libreria Piccolomini mitzuwirken.

RAFFAEL IN FLORENZ

 Madonna del Cardellino - Uffizien – Florenz, Toskana

Madonna del Cardellino - Uffizien – Florenz, Toskana

Während seines Aufenthalts bei Pinturicchio in Siena erfuhr Raffael, dass Leonardo und Michelangelo gerade in Florenz an der Realisierung zweier bedeutender Fresken arbeiteten (Battaglia di Anghiari und Battaglia di Cascina). Er bat daher Giovanna Feltria, die Schwester des Herzogs von Urbino, ihm ein Vorstellungsschreiben an den Gonfaloniere auf Lebenszeit Pier Soderini zu verfassen. Zwar konnte dieser Raffael keinen Auftrag erteilen, da er nach der Beauftragung Michelangelos mit dem David in finanziellen Schwierigkeiten steckte, doch richteten sich viele bedeutende private Auftraggeber an ihn: für Lorenzo Nasi schuf er die Madonna del Cardellino (heute in den Uffizien) und für dessen Schwager Domenico Canigiani die Heilige Familie aus dem Hause Canigiani sowie die Madonna Tempi (heute in der Alten Pinakothek in München). Zur selben Zeit entstanden außerdem eine Reihe weiterer meisterhafter Madonnen mit Kind, darunter die Schöne Gärtnerin (heute im Louvre). Ein begeisterter Anhänger Raffaels in Florenz war auch der Mäzen Taddeo Taddei, für den er die Madonna im Grünen (heute im Kunsthistorischen Museum Wien) und die Madonna Bridgewater schuf (heute in der National Gallery of Scotland in Edinburgh).

 Madonna d’Orleans - Musée Condé, Chantilly - Frankreich

Madonna d’Orleans - Musée Condé, Chantilly - Frankreich

Während seines Aufenthalts in Florenz erhielt er weiterhin Aufträge aus Umbrien und den Marken: er wurde nach Perugia gerufen, um Altargemälde (Pala Colonna und Pala Ansidei) und ein Fresko der Dreifaltigkeit mit Heiligen zu schaffen, das heute noch in der Kapelle San Severo in Perugia zu sehen ist. Vom Herzog von Urbino wurde er mit dem Bildnis des Guidobaldo da Montefeltro sowie einem Porträt seiner Gattin Elisabetta Gonzaga und des Erben Guidobaldo della Rovere beauftragt (heute alle in den Uffizien). Ein weiterer Auftrag bestand aus einem großen Madonnenbildnis (die herrliche Madonna d’Orleans, heute im Musée Condé in Chantilly) und drei Ölgemälden. 

 Pala Baglioni (Grablegung Borghese) - Galleria Borghese - Rom, Latium

Pala Baglioni (Grablegung Borghese) - Galleria Borghese - Rom, Latium

Während seiner Florentiner Zeit hatte Raffael Gelegenheit, die Studien der Meister des 15. Jahrhunderts (von Masaccio bis Donatello) zu vertiefen und sich mit den neuen Kunstkonzepten von Leonardo und Michelangelo zu beschäftigen. Beispielsweise faszinierte ihn die Fähigkeit Leonardos, die Figuren basierend auf geometrischen Formen harmonisch darzustellen. Von Michelangelo übernahm er die plastischen Schattierungen, die Dynamik der Figuren und die große Farbenvielfalt. In dieser Zeit entstanden zahlreiche vom Stil Leonardos beeinflusste Porträts, wie Die Schwangere (heute in der Galleria Palatina in Florenz), das Porträt des Agnolo Doni und das Porträt der Maddalena Strozzi (beide in den Uffizien), die Dame mit dem Einhorn (Galleria Borghese, Rom) und Die Stumme (Galleria Nazionale delle Marche, Urbino). Weitere bedeutende Werke dieser Phase sind außerdem die Pala Baglioni (der mittlere Teil des Gemäldes befindet sich heute in der Galleria Borghese in Rom, die Bilder der Predella in der Pinacoteca Vaticana und das Fries in der Galleria Nazionale dell’Umbria in Perugia), auf der Raffael das tragische Thema des Todes mit einer vitalen Unruhe kombiniert und zu einem monumentalen und dynamischen Gemälde mit deutlichen Anklängen an Michelangelo verarbeitet, sowie die Madonna unter dem Baldachin (Galleria Palatina in Florenz), ein großes, unvollendetes Altargemälde, dessen intensive Dynamik im darauffolgenden Jahrzehnt Andrea del Sarto und Fra‘ Bartolomeo inspirierte. 

A ROM: DIE KÜNSTLERISCHE REIFE RAFFAELS

Ende 1508 wurde Raffael nach Rom gerufen und verließ Florenz in großer Eile, so dass einige in Bearbeitung befindliche Werke unvollendet blieben. Der Ruf nach Rom erfolgte durch Papst Julius II. persönlich (auf Empfehlung des Bramante), der zu jener Zeit bedeutende städtebauliche Änderungen in der Stadt vornahm und hierzu die wichtigsten zeitgenössischen Künstler herbeirief (neben Raffael auch Michelangelo und Bramante).

Schule von Athen – Vatikanische Museen - Vatikanstadt

Schule von Athen – Vatikanische Museen - Vatikanstadt

In Rom arbeitete Raffael zusammen mit Bramantino, Lotto und anderen Malern an der Ausgestaltung der neuen Papstgemächer, den berühmten Stanzen des Vatikans (heute Teil der Vatikanischen Museen): da die Dekoration der ersten Stanze (Saal der Signatur), die Raffael mit Themen aus der Theologie, der Philosophie, der Poesie und der Rechtswissenschaften ausmalte, großen Anklang fand, wurde er auch mit der Gestaltung der restlichen Gemächer beauftragt (Saal des Heliodor, Saal des Borgobrandes und Saal des Konstantin). In den Stanzen befinden sich einige unschätzbar wertvolle Meisterwerke der Malerei wie die Schule von Athen, der Parnass, die Befreiung des Hl. Petrus und der Disput über das Sakrament

Villa Farnesina - Rom, Latium

Villa Farnesina - Rom, Latium

Danach wurde Raffael von dem einflussreichen Bankier Agostino Chigi engagiert, um für ihn die Villa Farnesina (heute Sitz der Akademie der Lincei) mit verschiedenen Fresken auszumalen, darunter der Triumph der Galatea und die Loggia der Psyche, ebenso wie mit der Planung der Reitställe (heute nicht mehr erhalten), mit dem Fresko der Sibyllen und Engel in der Kirche Santa Maria della Pace und mit der Kapelle Chigi in Santa Maria del Popolo, die Raffael auch architektonisch gestaltete.

 La Fornarina - Galleria Nazionale d’Arte Antica, Palazzo Barberini - Rom, Latium

La Fornarina - Galleria Nazionale d’Arte Antica, Palazzo Barberini - Rom, Latium

Ein weiteres wichtiges Tätigkeitsfeld dieser Jahre war die Porträtmalerei, die er mit innovativen Aspekten und höchster Virtuosität bereicherte. In diesem Zusammenhang seien das Porträt eines Kardinals (heute im Prado), das Porträt des Baldassarre Castiglione (im Louvre), das Porträt des Fedra Inghirami, das Bildnis Papst Leos X. mit den Kardinälen Giulio de' Medici und Luigi de' Rossi (Uffizien), vor allem aber das Bildnis Papst Julius II. genannt (National Gallery, London), das sich durch seinen ungewöhnlichen, schrägen und erhöhten Blickwinkel charakterisiert, sowie das unter dem Namen Fornarina bekannte Porträt einer Frau (Galleria Nazionale d'Arte Antica di Palazzo Barberini, Rom). Bemerkenswert für diese Phase sind zudem die neuen Ansätze in der Altarmalerei mit innovativen Werken wie der Madonna di Foligno (Vatikanische Pinakothek), der Madonna Sistina (Gemäldegalerie, Dresden) und der Verzückung der Heiligen Cäcilie (Pinacoteca Nazionale Bologna). 

Petersdom (innen) - Vatikanstadt

Petersdom (innen) - Vatikanstadt

Angesichts seiner wachsenden Berühmtheit entschied sich Raffael in diesen Jahren zur Eröffnung einer eigenen Werkstatt, in der er junge Maler wie Il Fattore, Giulio Romano und Giovanni da Udine beschäftigte, ebenso wie bekannte Künstler, darunter Lorenzetto. Nach dem Tod Bramantes im Jahr 1514 wurde ihm die Bauleitung für den Petersdom übertragen, wo er seine architektonischen Fähigkeiten an der bekanntesten Dombauhütte der Christenheit unter Beweis stellte. Bei der Planung des Doms gab er die perspektivische Konfiguration des Bramante zugunsten des neuen Systems einer orthogonale Projektion auf, behielt jedoch dessen Entwurf der Kuppel bei. Des Weiteren wurde Raffael mit einer Reihe von Wandteppichen für die Sixtinische Kapelle beauftragt, wo er sich direkt mit dem Genie Michelangelos messen konnte, der gerade das Gewölbe mit sensationellen Fresken ausmalte (Gewölbe der Sixtinischen Kapelle).

In Rom entstanden noch weitere architektonische Meisterwerke Raffaels, wie der Palazzo Branconio dell'Aquila (der später den Kolonnaden des Bernini weichen musste), der Palazzo Jacopo da Brescia (1936 abgerissen) und Palazzo Alberini (heute noch erhalten). Unvollendet blieb hingegen der Entwurf der Villa Madama am Hang des Monte Mario, die auch für Palladio von großer Inspiration war und sich durch eine gelungene Verbindung der strukturellen und ornamentalen Elemente nach antiken römischen Vorbildern charakterisiert.

Loggien des Raffael - Palazzo Niccolino – Vatikanstadt

Loggien des Raffael - Palazzo Niccolino – Vatikanstadt

In jenen Jahren führte er die Ausgestaltung der von Bramante begonnenen Loggien des Palazzo Niccolino im Vatikan fort, die auch als Loggien des Raffael bekannt sind, und schuf das Gemälde der Transfiguration für Giulio de' Medici (Vatikanische Pinakothek). Es sollte das letzte Werk des großen Künstlers aus Urbino sein. Der Tod erreichte ihn auf dem Höhepunkt seines Erfolgs nach zwei Wochen starken Fiebers am 6. April 1520, seinem 37. Geburtstag. Sein Leichnam wurde im Pantheon bestattet, und Pietro Bembo verfasste für ihn die folgende ergreifende Grabinschrift: „Der hier: Raffael ist‘s, der die Schöpfernatur, da er lebte, fürchten ließ seinen Sieg, und da er starb, ihren Tod“.

Die Figur Raffaels geriet nicht in Vergessenheit: 1869 wurde in Urbino auf Initiative des Grafen Pompeo Gherardi die Accademia Raffaello gegründet. Das Ziel dieser Einrichtung besteht aus der Erinnerung und Bekanntmachung der Kunst des einzigartigen Genies Raffael. Zu diesem Zweck veröffentlicht die Akademie Studien und Veröffentlichungen in renommierten Zeitschriften, organisiert Konferenzen, öffentliche Lesungen, Wettbewerbe, Workshops und Ausstellungen und vergibt Stipendien.